weltwechsel: Postwachstum

30. Oktober bis 24. November 2018

 

weltwechsel ist die landesweite Veranstaltungsreihe zu globalen Themen.

Organisiert durch mehrere Dutzend Kooperationspartner*innen und koordiniert durch das Eine-Welt-Landesnetzwerk finden jedes Jahr im November rund 100 Veranstaltungen von Vorträgen über Kurzfilmnächte bis hin zu Theateraufführungen statt.

In desem Jahr ist das Oberthema Postwachstum. Bis 1. Februar konnten sich Aktive an der Online-Abstimmung zum Thema der diesjährigen weltwechsel-Wochen beteiligen. 89 Personen haben mitgestimmt.

Postwachstum

Das aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Leitprinzip lautet „höher, schneller, weiter“ – es bedingt und befördert eine Konkurrenz zwischen allen Menschen. Dies führt zum einen zu Beschleunigung, Überforderung und Ausgrenzung. Zum anderen zerstört die Wirtschaftsweise unsere natürlichen Lebensgrundlagen.

Unter Postwachstum wird eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform verstanden, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Dafür sind eine grundlegende Veränderung unserer Lebenswelt und ein umfassender kultureller Wandel notwendig. In der Umsetzung bedeutet dies insbesondere eine Verringerung von Produktion und Konsum im globalen Norden, da die unendliche Steigerung von Wirtschaftswachstum für starke globale Ungleichheiten sowie ökologische Schäden weltweit verantwortlich ist. Statt neokolonialer Konzepte wird die Verantwortung für die imperiale Lebensweise im Globalen Norden in den Mittelpunkt gestellt und eine sozial-ökologische Transformation angestrebt. Auch oder gerade im Globalen Süden wurden und werden Debatten zu Wirtschaftswachstum geführt, Lösungen erarbeitet und Erfahrungen mit alternativen Wirtschaftsmodellen gemacht, die im hiesigen Diskurs gut genutzt werden können.

Neben Postwachstum gab es folgende Themenvorschläge:

Revolution | Pressefreiheit | Gerechtigkeit | Ressourcen | Geschlechtergerechtigkeit | Herrschaft

Zu den einzelnen Vorschlägen wurden begleitend zur Abstimmung kurze Appetizer-Texte verfasst:

Revolution

Viele reden darüber. Manche träumen davon. Aber niemand traut sich. Oder? Was bedeutet eigentlich Revolution, die radikale Umwälzung der Gesellschaft? Muss ich dafür auf brennende Barrikaden oder gibt‘s das auch in friedlich? Warum haben Menschen früher und heute auf der ganzen Welt ihr Leben für eine Idee riskiert? Wer sind die Revolutionär*innen von heute? Und wie ist der momentane Rollback zu bewerten, bei dem plötzlich von der Notwendigkeit einer konservativen Revolution geredet wird, die das Narrativ der extremen Rechten bedient? Von der Energiewende über die Agrarwende (usw……) bis hin zur Wende im Umgang mit allen Menschen. Nichts anderes wäre ja auch ein Weltwechsel.

Pressefreiheit

In Deutschland waren Fake News das Unwort 2017, der amerikanische Präsident wirft Vertreter  von unliebsamen Qualitätsmedien aus seinen Pressekonferenzen und beantwortet nur harmlose Fragen. Die polnische und türkische Regierung äußern sich verächtlich gegenüber der Presse, seit Jahren werden Medienvertreter in der Türkei  mit Repression bedroht. Wie wir alle wissen, sitzt der deutsch-türkische Welt-Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft. Und viele Menschen in Deutschland haben den Glauben an die Presse als 4. Macht im Staat verloren. Stattdessen sind Verschwörungstheorien beliebter denn je, „Lügenpresse“ ist eines der Schlagworte von Rechtspopulisten. Dabei ist die Pressefreiheit eines der höchsten Güter einer rechtsstaatlichen Demokratie. Ohne eine funktionierende, freie, unabhängige Presse fehlt die vielleicht wichtigste Kontrollinstanz innerhalb unserer Gesellschaft. Aber engagierte und freie Berichterstattung brauchen wir auch in einer globalisierten Welt – um globale Prozesse richtig einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und den Finger auf die richtigen Stellen zu legen. Presse wird aktuell nicht nur von staatlichem Handeln beeinträchtigt, sondern steckt in einem digitalen Umbau- und Erneuerungsprozess. Wenn Medienhäuser schließen oder enger mit wirtschaftlichen Akteuren kooperieren, entstehen Lücken in der Medienlandschaft. Dass die Pressefreiheit aktuell weltweit, zum Teil auch in Demokratien, bedroht ist, wirft kein gutes Licht auf den Zustand unserer Gesellschaften.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit: Ohne Gerechtigkeit kein gemeinsames Zusammenleben, kein demokratisches Gemeinwesen, keine humane Flüchtlingspolitik, kein Friede, keine Verwirklichung und Einhaltung von Menschenrechten, keine zukunftsweisende Klimapolitik („Climate Justice“), kein nachhaltiges Wirtschaftssystem (sozial-ökologische Transformation, Postwachstum), keine Überwindung von Not und extremer Armut, keine Bewahrung unseres Planeten (Schöpfung). Der Begriff Gerechtigkeit wird von den herrschenden Parteien missbraucht (siehe SPD-Wahlkampf) und die herrschende Politik ist unfähig, ihn in der Daseinsvorsorge umzusetzen. Wir, die Zivilgesellschaft, setzen dagegen einen Gerechtigkeitsbegriff, der den Problemen, verursacht durch die Globalisierung, trotzt und den Kern einer neuen zukunftsfähigen Gesellschaft (Revolution) berührt. Die Gestaltung von Gerechtigkeit in allen möglichen Facetten, vom Zusammenleben in einer Gruppe oder Gemeinde („Gerechte Stadt“) bis zu internationalen Beziehungen werden die nächsten Weltwechsel-Tage bestimmen, egal welchen Aspekt der Veränderung wir uns vornehmen.

Ressourcen

Ohne die Nutzung natürlicher Ressourcen können wir nicht leben. Doch globales Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum führen zu einem immer größeren Druck auf  Wasser, Land, Rohstoffe und biologische Vielfalt. Von einer global gerechten Verteilung und Nutzung der Ressourcen sind wir weit entfernt. Wie kann ein schonender Umgang mit Ressourcen unter Achtung von Menschenrechten und Beteiligungsmöglichkeiten der Bevölkerung erreicht werden?

Geschlechtergerechtigkeit

Ni una mas: Frauen in Mexiko solidarisieren sich, damit „nicht eine mehr“ den Frauen-Morden zum Opfer fällt. In Polen bringen tausende Frauen und Männer ihren „schwarzen Protest“ gegen das geplante Abtreibungsverbot der rechts-konservativen Regierungspartei PiS auf die Straße. Die „Koalition für Familie“ will in Rumänien eine Verfassungsänderung erreichen. Ziel: Die Festschreibung der Ehe auf Mann und Frau. In Deutschland wird die Frauenärztin Christina Hänel von sogenannten Lebenschützer*innen angezeigt, weil sie Informationen zum legalen Schwangerschaftsabbruch auf ihrer Website bereitstellt. Was bedeutet „Geschlechtergerechtigkeit“ im Jahr 2018? Wer und was beschneidet sie? Und: Wie können wir (weiter) für sie kämpfen?

Herrschaft

Wir müssen die Herrschaftsverhältnisse grundlegend ändern, damit die gesamte Menschheit dauerhaft eine gute Lebensperspektive bekommt. Doch wer herrscht und wer wird beherrscht? Wer sollte herrschen? Muss überhaupt geherrscht werden? Und wo bleiben vor lauter Herren die Frauen und Nichtbinären? Schließen Herrschaft und Gleichberechtigung sich aus? Ist Demokratie, also Herrschaft für Alle, die ultimative Herrschaft? Kann sich der Grad der Herrschaft an der Zahl verstummender Journalist*innen ablesen lassen? Warum sollten Kinder sich immer beherrschen, so lange ihre Eltern über sie herrschen? Was wäre die Abwesenheit von Herrschaft? Ein herrliches weltwechsel-Thema, das vielleicht schon bald die Gemüter beherrscht…